Artikel von Kevin Hoffmann
Ringen um Sindschar

Kurdische Gebiete im Irak: Streit über militärisches Vorgehen gegen die PKK. Diese erklärt ihren Abzug aus der Region

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

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Kämpferinnen der jesidischen Widerstandseinheiten YBS im Dorf Umm al-Dhiban am 29. April 2016

Die Regierung des Irak hat in den vergangenen Tagen mit ihrer angeblichen Ankündigung, auf ihrem Territorium operierende Einheiten der Kurdischen Arbeiterpartei PKK nicht militärisch bekämpfen zu wollen, für Aufregung gesorgt. Den Hintergrund der Auseinandersetzung bilden die Ereignisse in der Stadt Sindschar vor zweieinhalb Jahren. Kämpfer der Terrormiliz »Islamischer Staat« hatten im August 2014 große Teile der Stadt und der gleichnamigen Gebirgskette erobert. Dabei ermordeten sie Tausende Angehörige der Bevölkerungsgruppe der Jesiden, die vom IS als »Ungläubige« verfolgt werden. Zudem verschleppten sie zahlreiche jesidische Frauen und Mädchen, um sie als Sklaven zu verkaufen.

Die zum Schutz der Stadt abgestellten Peschmerga – die Streitkräfte der »Autonomen Region Kurdistan« unter Präsident Masud Barsani – flohen damals kampflos aus der Stadt und ließen die Jesiden schutzlos zurück. Nur durch das Eingreifen der Guerillaeinheiten der PKK und der Volksverteidigungseinheiten (YPG) sowie ihres Frauenbataillons YPJ konnten Zehntausende Jesiden gerettet, der IS zunächst gestoppt und später aus der Stadt vertrieben werden. Den Verrat der Peschmerga-Einheiten werden die Jesiden aus Sindschar zweifelsohne so schnell nicht vergessen.

Seit dem Beginn der Operation zur Befreiung der vom IS gehaltenen Stadt Mossul im Oktober 2016 kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der Türkei, deren Truppen auf irakischem Territorium operieren und sich dort angeblich der Terrorbekämpfung widmen. So fordert die Regierung etwa den Abzug türkischer Truppen aus dem Militärlager Baschika im Nordirak. Auch um Sindschar wird gestritten: Bereits am 30.10.2016 erklärte der türkische Präsident Erdogan laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu: »Sindschar ist auf dem Weg, ein neues Kandil zu werden. Deshalb werden wir Sindschar nicht tolerieren, denn dort befindet sich die PKK« (Mit Kandil ist das Hauptquartier der PKK im Gebirge im Nordirak gemeint). Zwei Tage später wurde eine große Anzahl von Panzern und schwerer Artillerie an die türkisch-irakische Grenze verlegt und offen mit einem Einmarsch nach Sindschar und Kandil gedroht (jW berichtete).

Am 7. und 8. Januar besuchte der türkische Premierminister Binali Yildirim schließlich Bagdad und Erbil, um die türkischen Forderungen nach Vertreibung der PKK und mit ihr verbündeter Kräfte aus Sindschar durchzusetzen. »Die Ausbreitung der PKK nach Westen und die Tatsache, dass sie in Sindschar Unterschlupf findet, ist nicht akzeptabel für uns. Es ist ein Sicherheitsproblem. Nicht nur für die Türkei, sondern auch für die kurdische Regionalregierung im Irak«, so Yildirim auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Barsani.

In einer gemeinsamen Erklärung von Yildirim und dem irakischen Ministerpräsidenten Haider Al-Abadi vom 7. Januar einigten sich beide auf den schrittweisen Abzug der türkischen Truppen aus dem Militärlager in Baschika und vereinbarten einen gemeinsamen Kampf gegen alle Terrororganisationen. Wie die Nachrichtenagentur Rudaw am 09.01. berichtete, stimmte die PKK einem Abzug ihrer Einheiten aus Sindschar zu, um weitere Spannungen und einen möglichen Einmarsch türkischer Truppen zu verhindern. »Die PKK hat den Jesiden geholfen, Selbstverteidigungseinheiten und Selbstverwaltungsorgane aufzubauen. Durch den Aufbau dieser Einheiten und einer unabhängigen jesidischen Verwaltung sind die Aufgaben der PKK für Sindschar erfüllt«, zitiert Rudaw aus einer PKK-Erklärung. Die PKK hatte unmittelbar nach ihrem militärischen Eingreifen, zum Schutz der Jesiden, mit dem Training eigener jesidischer Widerstandseinheiten (YBS) und dem Aufbau von lokalen Selbstverwaltungsorganen begonnen.

Laut einer Erklärung des irakischen Parlamentsabgeordneten Hoschjar Abdullah vom 14. Januar habe sich Al-Abadi in der Sitzung der Sicherheitskommission des Parlaments folgendermaßen zur Situation in Sindschar geäußert: »Die Türkei und Erbil haben Angst und sind eingeschüchtert von der PKK. Unsere Politik ist klar, und wir haben der Türkei gesagt, dass sie unser Land nicht für einen Krieg benutzen können.«

 

https://www.jungewelt.de/2017/01-18/027.php

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