Artikel von Kevin Hoffmann
Kurden unter Beschuss

Der IS, die türkische Armee und Peschmerga attackieren Manbidsch in Syrien und Sindschar im Irak

Von Kevin Hoffmann

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Einheiten des Militärrats von Manbidsch Blicken am 1. Juni 2016 auf die Stadt hinunter

Wenig beachtet wurde der Besuch Masud Barzanis, dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak, am 27. Februar in Ankara. In den Gesprächen mit Ministerpräsident Binali Yildirim und Präsident Recep Tayyip Erdogan sei es um ökonomische Fragen und den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus gegangen, verkündete damals die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

Zwei Tage später begannen großangelegte Angriffe der türkischen Armee und der mit ihr Verbündeten Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) im Westen der von kurdischen und arabischen Selbstverteidigungseinheiten gehaltenen Stadt Manbidsch in Syrien. Zeitgleich attackierte die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) vom Norden aus die Kommune. »Beide Angriffe kamen exakt zur selben Zeit.« Dieser Fakt werfe »Fragen auf«, so der Sprecher des Militärrats von Manbidsch (MMC), Schervan Derwisch, über die mögliche direkte Absprache der Türkei mit dem IS in einem Interview mit dem Nachrichtenportal Kom News. Allein in den Monaten Januar und Februar soll die Türkei 89mal Positionen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) mit schweren Waffen angegriffen haben. Hinzu kommen fünf Einsätze mit Kampfhubschraubern, hieß es in einer Erklärung des Pressebüros der YPG vom vergangenen Sonntag.

Die schweren Angriffe der türkischen Armee und der FSA halten unterdessen weiter an. Um das Vorrücken der türkischen Armee zu stoppen und die Bevölkerung von Manbidsch zu schützen, hat der lokale Militärrat bereits unmittelbar nach Beginn der Attacken ein taktisches Bündnis mit Russland und der syrischen Armee geschlossen. »Wir haben als Militärrat von Manbidsch Teilen der syrischen Armee Stellungen an der Front übergeben. Die syrische Armee ist Teil des Bündnisses, das wir mit Russland vereinbart haben, um die Dörfer westlich von Manbidsch vor den anhaltenden Angriffen türkischer und protürkischer Truppen zu schützen«, informierte der Militärrat am 2. März. Am Montag bestätigte dessen Sprecher gegenüber Reuters, dass die syrischen Soldaten die Frontstellungen übernommen hätten.

Parallel zu dieser Entwicklung griffen am 28. Februar 500 Peschmerga die Städte Sinue und Khanasor in der Region Sindschar im Nordirak an, welche von den jesidischen Selbstverteidigungseinheiten YBS gehalten werden. Der Angriff dieser mit der Türkei verbündeten Truppen dürfte unmittelbar mit dem Besuch Barsanis in Ankara zusammenhängen. Laut einem Bericht der kurdischen Nachrichtenagentur ANF vom 3. März sollen mindestens 21 Mitglieder des türkischen Geheimdienstes MIT an der Militäroperation beteiligt sein. Zudem sollen sich 80 jugendliche Peschmerga-Kämpfer geweigert haben, die Stellungen der YBS anzugreifen. Daraufhin seien sie entwaffnet und von Barsanis Geheimdienst Parastin gefangen genommen und verschleppt worden. Weitere Kämpfer sollen sich den YBS-Einheiten ergeben haben. Am Montag wurden weitere Peschmerga-Einheiten in der Stadt Rabia und in der umliegenden Region stationiert, um die Verbindung zwischen Sindschar und Rojava zu unterbrechen, so ANF.

Die Peschmerga sind in den vergangenen Jahren unter anderem von der deutschen Bundeswehr und der türkischen Armee ausgebildet und mit modernsten Waffen ausgestattet worden. Nachdem Augenzeugenberichte und Bilder der Nachrichtenagentur Rudaw den Einsatz deutscher Waffen gegen die jesidischen Einheiten belegt hatten (jW berichtete), hat ein Sprecher des deutschen Verteidigungsministeriums am Montag dem Spiegel gegenüber bestätigt, dass man eine Untersuchung durch im Nordirak stationierte Bundeswehr-Soldaten eingeleitet habe.

Das in Rojava ansässige »Einheits- und Solidaritätsbüro der Völker« (SYPG) verurteilte die Angriffe der Peschmerga scharf. In der Erklärung vom 4. März erinnerte das SYPG unter anderem an die Flucht der Peschmerga-Einheiten, als der IS 2014 die Region Sindschar überfiel. »Der Angriff auf Sindschar ist kein Bruderkrieg, sondern ein historischer Verrat. Er ist eine Unterstützung für die Feinde der Kurden«, heißt es in der Erklärung.

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