Artikel von Kevin Hoffmann
Vor der Invasion?

Türkei bereitet Einmarsch in kurdisch kontrollierte Gebiete in Syrien und Irak vor

Von Kevin Hoffmann
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Aufmarsch an der Grenze: Türkische Panzerfahrzeuge an der türkisch-syrischen Grenze bei Karakamis (27.8.2016)

Die türkische Armee hat in der Nacht zu Dienstag Ziele in Nordsyrien und der Region Sindschar in Nordirak bombardiert. Gegen zwei Uhr Ortszeit haben 26 Kampfjets das Gebiet bei Karacok nahe der Stadt Derik im von kurdischen Kräften kontrollieren Rojava und Dörfer um das Sindschar-Gebirge bombardiert. Die türkische Armee bestätigte die Angriffe. Man habe mehrere »terroristische Ziele« zerstört, erklärte das Militär.

Den gesamten Dienstag über gab es weiterhin Aufklärungsflüge durch türkische Kampfflugzeuge und Drohnen über den angegriffenen Gebieten. Bereits in den vergangenen Tagen berichtete die kurdische Nachrichtenagentur ANF von Bombardierungen des nordirakischen Kandilgebirges, wo Zivilisten um Leben gekommen sein sollen. Wie ANF meldete, kam es im kurdischen Kanton Afrin am Dienstag zu starken Bewegungen des türkischen Militärs sowie zu vereinzelten Angriffen auf Dörfer.

Die türkischen Angriffe schwächen diejenigen Kräfte, die momentan am effektivsten gegen den »Islamischen Staat« (IS) und andere dschihadistische Milizen kämpfen. In einer schriftlichen Erklärung verurteilte der »Demokratische Rat Syriens« am Dienstag die Bombardements: »Während der laufenden Operation ›Wut des Euphrats‹ machen unsere Einheiten Fortschritte und erreichen Siege gegen die Banden«, heißt es in dem Statement. »Diese Angriffe verraten das offensichtliche Ziel des türkischen Staates: die Rakka-Operation zu lähmen, um die IS-Banden Luft holen zu lassen.«

Die regierungsnahe türkische Tageszeitung Karar berichtete bereits am Montag, dass es eine großangelegte Militäroperation Ankaras gegen Rojava innerhalb eines Monats geben werde. Ziel sei es, den »kurdischen Korridor« in Nordsyrien zu zerstören und die Verbindung zwischen Kobani und Cizire zu kappen. Die Zeitung zitiert eine namentlich nicht genannte Militärquelle, dass es einen Angriff von der türkischen Stadt Akcakale auf die Stellungen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Tel Abjad geben werde. Nach Tel Abjad seien Kobani und Manbidsch die nächsten Ziele, heißt es in dem Artikel.

Ähnliche Pläne waren in den vergangenen Monaten immer wieder im türkischen Staatsfernsehen präsentiert worden. YPG-Kämpfer berichteten am Dienstag gegenüber junge Welt, an der Grenze zu Tel Abjad und an anderen Grenzübergängen zur Türkei gebe es große Militärbewegungen. Ein Angriff dort sei in der kommenden Zeit nicht ausgeschlossen.

Bereits am 20. April berichtete die faschistische Zeitung Yeni Safak über einen dreistufigen Invasionsplan, der nach dem Referendum am 16. April umgesetzt werden solle. Demnach solle die Armee zuerst Sindschar angreifen. Anschließend sei eine große Operation gegen das Hauptquartier der Arbeiterpartei Kurdistans im Kandilgebirge geplant. Den letzten Teil bilde der Einmarsch in Rojava über Tel Abjad gemeinsam mit Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA). Kämpfer der islamistischen FSA-Einheiten Sultan-Murad-Mahmud-Brigade bestätigten am Dienstag gegenüber Al-MasdarNews ihre Absichten, gegen die YPG vorzugehen.

»Eine großangelegte Militäroperation der Türkei in Syrien oder dem Irak ist für Erdogan nicht gegen den Willen der USA und Russlands möglich«, erklärte der Journalist Hüseyin Dogru am Dienstag gegenüber junge Welt. »Sollte es zu einer Einigung Erdogans mit den USA oder Russland kommen, liegen die Pläne für eine erneute Invasion in Rojava und Syrien jedoch fertig in den Schubladen der türkischen Armee.«

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan plant im Mai einen Besuch bei US-Präsident Donald Trump, um über die Beteiligung der Türkei und von ihr unterstützten FSA-Truppen an der Operation zur Befreiung Rakkas zu diskutieren. Die jetzigen Angriffe dürften diese Forderung unterstreichen.

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