Artikel von Kevin Hoffmann
Türkische Aggression im Irak

Ankaras Armee beginnt Angriffe in den Gebieten der kurdischen Guerilla

Von Kevin Hoffmann
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Proteste gegen die schon lang andauernde militärische Einmischung der Türkei im Irak (Bagdad, 12. Dezember 2015)

Bereits am vergangenen Freitag begann eine grenzüberschreitende Militäroperation der türkischen Armee. Ziel sollen Stellungen der kurdischen Guerilla HPG (Volksverteidigungseinheiten) sein, so berichtete das Nachrichtenportal Kom News am Samstag. Die Operation habe mit einem großangelegten Bombardement durch Kampfflugzeuge am Freitag abend gegen 20 Uhr in der Grenzregion Cukurca begonnen, danach hätten türkische Truppen die Grenze zum Irak überschritten. Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF kam es noch am Abend und in der Nacht zu schweren Gefechten zwischen Ankaras Truppen und Guerillaeinheiten. Dabei sollen durch zuvor gelegte Sprengfallen und das Feuer der Guerilla zahlreiche türkische Soldaten getötet worden sein; auch ihr Vorrücken sei so gestoppt worden.

Das Pressebüro der HPG bestätigte am Samstag die Invasionsversuche in einer Presseerklärung: »In der Nacht des 16. Juni bombardierten die Invasoren der türkischen Armee die Zab-Re­gion der Media-Verteidigungsgebiete mit Flugzeugen, Haubitzen und Mörsern«, heißt es dort. Die Bombardierungen und Kämpfe gingen auch am Samstag und Sonntag weiter. Laut ANF sei es das Ziel der Türkei, zwei strategisch wichtige Hügel zwischen den Regionen Zab und Avasin zu erobern und zu besetzen.

Am Sonntag veröffentliche das Pressebüro eine erste Bilanz der Kämpfe. Demnach soll es auch zu Bombardierungen von mindestens drei Dörfern im Irak gekommen sein, Nirwa, Bede und Saka. Durch die Angriffe von Sikorsky-Kampfhubschraubern seien außerdem Feuer ausgebrochen, die jedoch von der Guerilla gelöscht werden konnten. Türkische Soldaten seien aus der Luft an zahlreichen Punkten abgesetzt worden, da ihr Einmarsch zu Fuß bereits größtenteils gestoppt werden konnte. Die Guerilla will zudem einen der Hubschrauber durch den Einsatz von schweren Waffen beschädigt haben, so dass er seinen Einsatz abbrechen musste. Insgesamt seien mindestens 30 türkische Soldaten getötet worden. Die türkische staatliche Nachrichtenagentur Anadolu gab die Zahl der getöteten Soldaten am Samstag hingegen mit zwei an und behauptete ihrerseits, dass elf Guerillakämpfer getötet worden seien.

Auch am Montag und Dienstag gingen die Gefechte im türkisch-irakischen Grenzgebiet weiter. Dabei sollen an verschiedenen Stellen weitere neun Soldaten getötet worden sein. Die Bombardierung des Gebiets durch Kampfflugzeuge hält weiter an. ANF berichtete, am Dienstag morgen seien zahlreiche Soldaten bei dem Versuch, das Gebiet fluchtartig zu verlassen und in die Türkei zurückzukehren, in einen Hinterhalt der Guerilla geraten und getötet worden.

Bereits Ende Mai hatte es Gefechte in der türkischen Grenzregion Cukurca gegeben, als Guerillaeinheiten einen militärischen Außenposten mit schweren Waffen angriffen und ein gepanzertes Fahrzeug zerstört hatten. Dabei waren mindestens sieben Soldaten getötet worden.

Auch in der Türkei selbst kam es am Wochenende erneut zu Gefechten zwischen der Armee und Guerillaeinheiten. In der Provinz Tunceli (kurdisch: Dersim) sei am Sonntag ein Soldat getötet worden, mehrere weitere hätten bei Gefechten Verletzungen davongetragen, berichtete die faschistische Zeitung Yeni Safak am Montag.

In einem Interview mit Vocal Europe vom 12. Juni berichten fünf nicht namentlich genannte ehemalige hochrangige türkische NATO-Offiziere von großen Problemen in der türkischen Armee infolge der Säuberungen, welche Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Putschversuch im Juli 2016 angeordnet hatte. Auch die Interviewten selbst standen auf der Abschussliste und weigerten sich nach ihrer Abberufung aus dem NATO-Hauptquartier in Brüssel, in die Türkei zurückzukehren. »Für mich ist die türkische Armee nun ein Körper, dem einige Teile abgehackt wurden und dem ein paar geblieben sind – man könnte glauben, dass der Körper noch lebt, aber nein, dem ist nicht so, er ist nicht lebendig, er ist ein ›Dead man walking‹ (ein lebender Toter, jW)«, so einer der Offiziere.

https://www.jungewelt.de/artikel/312811.t%C3%BCrkische-aggression-im-irak.html

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