Artikel von Kevin Hoffmann
Ankara plant neuen Syrien-Einsatz

Türkei greift kurdische Stellungen in Afrin an. Vorbereitungen für große Militäroperation

Von Kevin Hoffmann
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Ankaras Großmachtstreben: Türkische Truppen nahe der Grenze zu Syrien (27.8.2016)

Seit Wochen greifen türkische Truppen den kurdischen Kanton Afrin in Nordsyrien an. Die Attacken sind laut der Nachrichtenagentur ANF am vergangenen Dienstag abend verstärkt worden. An der Frontlinie zwischen den Städten Asas und Al-Bab sei es, aus den durch die türkische Armee und islamistischen Einheiten der »Freien Syrischen Armee« (FSA) besetzten Gebieten, zu Beschuss auf Stellungen der Volksverteidigungseinheiten YPG gekommen. Ankara setzte zudem Aufklärungsdrohnen über den kurdischen Stellungen ein.

Das türkische Militär bestätigte am Mittwoch in einer Erklärung die Gefechte und gab an, dass man sich gegen Maschinengewehrfeuer der YPG verteidigt und »die identifizierten Ziele neutralisiert« habe. Letztere widersprachen dieser Schilderung und erklärten laut der Nachrichtenagentur Etha, bei jedem Angriff von ihrem Selbstverteidigungsrecht Gebrauch zu machen. Am gestrigen Donnerstag verlegten die YPG und die Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK) weitere Einheiten nach Afrin, wie ein YPG-Sprecher gegenüber ARA News am Donnerstag bestätigte.

Bereits seit Tagen finden sich im Internet zahlreiche Videos, in denen die Verlegung von Dutzenden Panzern, Haubitzen und anderen schweren Waffen der türkischen Armee nach Syrien zu sehen sind. Die AKP-nahe türkische Zeitung Yeni Safak berichtete bereits am vergangenen Dienstag, dass Kämpfe in der ersten Phase der geplanten »Afrin-Operation« zu erwarten seien. In dem Artikel heißt es weiter, die Vorbereitungen der Armee für die Offensive gegen die YPG seien abgeschlossen.

Der stellvertretende türkische Ministerpräsident Veysi Kaynak erklärte am Mittwoch in bezug auf die Anwesenheit der YPG in Afrin: »Sowohl für die Sicherheit der Grenzen der Türkei als auch die generelle Sicherheit in der Region muss Afrin vom Terrorismus und den Terroristen gesäubert werden. Andernfalls kann weder die Sicherheit von Asas noch von Mare, Al-Bab oder Idlib garantiert werden.«

Laut Yeni Safak will die türkische Armee zunächst die von den YPG kontrollierten Gebiete bis zirka fünf Kilometer vor der Stadt Afrin erobern und diese isolieren. Dabei soll sie von islamistischen und von Ankara aufgebauten FSA-Einheiten unterstützt werden. Die Teile der FSA, die Beziehungen zu den USA und der CIA hätten, sollen von der Operation indes explizit ausgeschlossen werden, schrieb die Zeitung.

Auch auf kurdischer Seite rechnete man mit diesem Plan, der mutmaßlich mit Syrien und Russland abgestimmt sei, wie ANF am Mittwoch meldete. Laut einer anonymen Quelle soll es Verhandlungen zwischen der Türkei, Russland und dem Iran über den Einmarsch in Afrin gegeben haben. Die Türkei plane demnach, mit verbündeten Milizen von Osten her anzugreifen. Islamistische Gruppen würden einen Vorstoß von Süden führen. In einem zweiten Schritt würden dann die syrische Armee und russische Truppen nach Afrin einmarschieren.

In einem Interview mit der russischen Zeitung Iswestija ging der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan noch weiter und kündigte an, die Türkei sei bereit, die Städte Manbidsch und Rakka von den YPG zu »befreien« und in die türkische »Sicherheitszone« einzubeziehen. »Es geschehen zurzeit einige negative Ereignisse in Syrien. Falls dies zu einer Bedrohung unserer Grenzen führen sollte, würden wir auf die gleiche Weise reagieren wie bei der Operation ›Euphrat-Schild‹«, so Erdogan.

https://www.jungewelt.de/artikel/313444.ankara-plant-neuen-syrien-einsatz.html

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