Artikel von Kevin Hoffmann
»Sie drückten ein Messer gegen meinen Körper«

Aktivist einer türkischen Jugendgruppe wird in Dortmund von zwei Männern bedroht und verhört. Gespräch mit Orhan Deniz Batasul

Interview: Kevin Hoffmann

Orhan Deniz Batasul ist Aktivist der türkischen Organisation Dev-Genc (Revolutionäre Jugend)

Laut einer Stellungnahme der türkischen Organisation Dev-Genc, also der Revolutionären Jugend, wurden Sie am vergangenen Mittwoch in Dortmund von zwei Personen überfallen und bedroht. Was ist genau passiert?Ich war am besagten Tag gegen 10.45 Uhr auf dem Weg zu unserem Kulturverein Dayev in Dortmund, als mich zwei Personen in einem Park attackierten. Einer legte von hinten seinen Arm um meinen Hals, der andere schlug von vorne in mein Gesicht und in meine Magengrube. Als sie mich zu Boden brachten, drückten sie ein Messer gegen meinen Körper und drohten, mich zu ermorden, sollte ich mich wehren. Sie zogen mich an den Rand des Parks, wo sie von mir Informationen über meine Organisation wollten und meine Kooperation einforderten. Dies sei ihr zweiter »Besuch«, beim dritten Mal würde es schlecht für mich aussehen. Als ich antwortete, dass ich nichts wisse, quetschte einer der Angreifer meine Genitalien und versuchte meinen Gürtel zu öffnen. Ich versuchte mich zur Wehr zu setzen und spuckte ihm ins Gesicht, woraufhin er mit seinem Messer eine Verletzung an meinem Bauch hervorrief. Daraufhin traten die beiden ein weiteres Mal auf mich ein und verließen den Park zügig.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich habe an bestimmten Stellen am Körper Schmerzen aufgrund der Faustschläge und Tritte. Zudem habe ich eine schmerzhafte, mehrere Zentimeter lange Schnittverletzung am Bauch, die ich heute im Krankenhaus behandeln ließ.

Wen vermuten Sie hinter diesem Angriff?

Vom Aussehen her zu urteilen und aufgrund der Tatsache, dass einer der Angreifer türkisch sprach, würde ich von türkischstämmigen Faschisten ausgehen. Beide waren stämmig gebaut und hatten ein ähnliches Erscheinungsbild, sie sahen aus wie Mitglieder einer Rockergruppe oder ähnliches.

Zudem redete einer der Angreifer vom »zweiten Mal«. Ich wurde vor einigen Monaten von zwei Beamten des Verfassungsschutzes auf offener Straße angehalten und mit Vornamen angesprochen. Sie erzählten mir von ihrer Kenntnis über meine privaten Probleme und dass sie mir Hilfe im Gegenzug zu einer Kooperation mit dem Verfassungsschutz bieten würden. Woher wissen die beiden Angreifer vom Mittwoch von dem »ersten Mal«? Ich gehe deshalb von einem koordinierten Angriff des Verfassungsschutzes aus, jedoch halte ich auch eine Beteiligung der türkischen Behörden, wie des Geheimdienstes MIT, für möglich. Das würde, wenn es so denn wäre, eine Kooperation der beiden Behörden nahelegen.

In den vergangenen Wochen wurden auch andere Mitglieder Ihrer Organisation von Mitarbeitern des Verfassungsschutzes angesprochen. Was steckt dahinter?

Wir wissen, dass der Verfassungsschutz uns damit einschüchtern will. Er spricht gezielt Menschen an, bei denen er eine Schwäche, etwa familiäre Probleme, ausfindig machen konnte. Er rechnet sich bei diesen Menschen größere Chancen aus, an Informationen zu kommen oder eine Basis für eine Kooperation zu schaffen. Die Systematik ihrer Versuche ist immer gleich: Sie kommen aus dem Nichts und nutzen einen Überraschungsmoment, sprechen uns mit Vornamen an. Anschließend erwähnen sie Schwierigkeiten, die wir im Privatleben haben.

Aber wir sind revolutionäre Jugendliche: Wir machen unsere Arbeit selbst öffentlich. Seit Jahren setzen wir uns gegen Rassismus, Imperialismus und den Faschismus in der Türkei ein. Wir organisieren Veranstaltungen, bei denen Jugendliche aus allen Schichten eine Plattform für die gemeinsame Lösung ihrer Probleme finden. Wir haben vor allem die NSU-Thematik mitverfolgt, haben Angehörige der Opfer besucht, sie interviewt, die Gerichtsverhandlungen besucht und darüber berichtet. Dadurch ließ sich vielen Menschen plausibel erklären, dass Rassismus in der Bundesrepublik staatlich gefördert wird – und zwar mit der Absicht, die Bevölkerung leichter regieren zu können. Nicht umsonst stehen wir auch schon seit Jahren in den Verfassungsschutzberichten vom Bund und diversen Ländern wie Hamburg und NRW.

https://www.jungewelt.de/artikel/313454.sie-dr%C3%BCckten-ein-messer-gegen-meinen-k%C3%B6rper.html

 

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