Artikel von Kevin Hoffmann
Keine Entspannung in Sicht

Krieg in Syrien erneut angefacht. SDK und Armee melden Erfolge

Von Kevin Hoffmann

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UN-Soldaten auf einem Beobachtungsposten auf den israelisch besetzten Golanhöhen

Nach der Befreiung großer Teile des Staatsgebiets durch die syrische Armee und die von kurdischen Einheiten geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) sowie der weitgehenden Zerschlagung der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« hofften viele Beobachter auf eine Entspannung der Situation im Land. Gekommen ist es anders: Bereits am 6. Februar rief die UNO offiziell alle beteiligten Parteien zu einer humanitären Waffenruhe auf. Es müsse sofort eine einmonatige Feuerpause im gesamten Land durchgesetzt werden, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen, so die Forderung der Vereinten Nationen. Insbesondere müssten Nahrungsmittel und Medikamente in die umkämpften Gebiete gebracht sowie Verletzte evakuiert werden. Der Appell blieb unbeantwortet. Wie der Hilfskoordinator der Vereinten Nationen (UN) Ali Al-Zaatari am Montag in einer Erklärung aus Damaskus berichtete, toben zur Zeit die wohl schlimmsten Kämpfe seit Beginn des nunmehr fast sieben Jahre dauernden Krieges. »Ich appelliere an alle Parteien und diejenigen, die Einfluss auf sie haben: Hört auf uns und die betroffene Bevölkerung und beendet dieses unerträgliche menschliche Leid«, so Al-Zaatari. »Wir müssen jetzt die Menschen in Not erreichen, nicht später.« Es gebe Berichte über Hunderte Tote und Verletzte, von massenhafter Vertreibung und der Zerstörung ziviler Infrastruktur einschließlich medizinischer Einrichtungen. Damit habe sich die Lage im gesamten Kriegsgebiet weiter verschlechtert, wird der UN-Funktionär von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Auch die EU-Kommission warnte vor einer weiteren militärischen Eskalation in der Region, nachdem am vergangenen Wochenende ein israelischer Kampfjet in Syrien abgeschossen wurde. Allein bei Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und Einheiten der »Freien Syrischen Armee« (FSA) in der Region Idlib sowie bei Angriffen der türkischen Armee auf das nordsyrische Afrin sollen in der vergangenen Woche mehrere hundert Menschen getötet worden sein, berichteten übereinstimmend Reuters und die kurdische Nachrichtenagentur Anha.

Laut einer von der kurdischen Agentur ANF veröffentlichten Bilanz der seit dem 20. Januar anhaltenden militärischen Operationen der türkischen Armee und mit ihr verbündeter islamistischer Milizen und Söldner gegen den mehrheitlich von Kurdinnen und Kurden bewohnte Kanton Afrin in Nordsyrien wurden allein hier mehr als 180 Zivilisten getötet. Zudem seien mehr als 400 weitere zum Teil schwer verletzt worden, hieß es. Täglich kommen demnach Dutzende weitere Opfer durch die Angriffe der türkischen Luftwaffe und Artilleriebeschuss hinzu. Die SDK nennt die Zahl von 98 Kämpfern der eigenen Seite, die in militärischen Auseinandersetzungen gefallen seien. Zudem sollen 862 türkische Soldaten und Angehörige islamistischer Milizen bei den Angriffen auf Afrin getötet worden sein.

Die SDK beklagen insbesondere, dass die Türkei gezielt zivile Infrastruktur und zivile Gebiete angreife. So soll die große Mehrheit der 668 seit dem 20. Januar gezählten Luftangriffe zivilen Siedlungen und Stadtvierteln, Trinkwasseraufbereitungsanlagen, Schulen, Krankenhäusern und Bauernhöfen gegolten haben. Hinzu kommen 16 Angriffe durch Kampfhubschrauber und 2.645 Attacken mit Panzern und anderen schweren Waffen. Erst in der vergangenen Woche war die Zentrale des kurdischen Roten Halbmonds in Afrin durch einen türkischen Luftschlag getroffen und zerstört worden. Am Dienstag wurde das zentrale Krankenhaus der Stadt beschossen.

Trotz der Unterstützung Tausender islamistischer Kämpfer hat es das türkische Militär nach drei Wochen Kriegseinsatz gerade einmal geschafft, einige Hügel und Dörfer entlang der türkischen Grenze einzunehmen. Währenddessen können die SDK den Abschuss von zwei türkischen Kampfhubschraubern und zwei Drohnen sowie die Zerstörung von 51 Kampffahrzeugen, darunter mehrere aus deutscher Produktion stammende »Leopard 2«-Panzer, vermelden.

Diese Zahlen belegen nicht nur, dass es insbesondere durch die Eingriffe des israelischen und türkischen Militärs zu einer erneuten Eskalation des Krieges in Syrien gekommen ist. Sie zeigen auch, dass diese Kriegsparteien versuchen, die militärischen Erfolge der syrischen Armee im Osten des Landes und der SDK unter Führung der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) umzukehren. Hinzu kommt die Bombardierung syrischer Truppen im Süden des Landes durch die US-Luftwaffe, nachdem diese Stellungen der SDK am Euphrat attackiert hatten. Dort hielten sich zum Zeitpunkt der Gefechte auch US-Soldaten auf.

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