Artikel von Kevin Hoffmann
Türkei lässt plündern

Milizen rauben Häuser im besetzten Afrin aus. Kurdische Kräfte erklären Guerillakrieg gegen Invasoren

Von Kevin Hoffmann

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Brandschatzender Mob: Mit Ankara verbündete ­islamistische Kämpfer ziehen am Sonntag durch die eroberte Stadt Afrin

Der Widerstand gegen die türkische Besatzung im nordsyrischen Afrin ist in eine neue Phase eingetreten. Das erklärte am Sonntag abend der ehemalige Kovorsitzende der Partei der Demokratischen Union (PYD), Salih Muslim, gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur Firat. »Ab jetzt werden die YPG und YPJ einen Guerillakrieg führen«, so Muslim. Zuvor hatten die kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) bis zum Sonntag morgen einen Großteil der Zivilisten aus der Stadt Afrin evakuiert. So sollten diese vor den einrückenden türkischen Soldaten und den mit Ankara verbündeten islamistischen Milizen, die das Stadtzentrum besetzten, geschützt werden.

Laut Muslim sei der Widerstand noch nicht beendet. »Sowohl im Zentrum von Afrin als auch in der Umgebung sind Kämpfer der YPG/YPJ«, bekräftigte er. Der Bevölkerung sei versprochen worden, dass Afrin niemals aufgegeben werde. »Und dieses Versprechen wird eingehalten«, erklärte Muslim.

Am Sonntag und Montag plünderten türkische Soldaten und Milizionäre Wohnungen und Supermärkte, wie auf Bildern der französischen Nachrichtenagentur AFP zu sehen ist. Auch die in Großbritannien ansässige »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte« berichtete am Montag, dass »damit begonnen wurde, Eigentum und Geschäfte der Zivilisten sowie politische und militärische Einrichtungen zu plündern«.

In einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit Firat sagte Duran Kalkan, Mitglied im Exekutivrat der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), dass auch die Bundesrepublik mitschuldig am Krieg gegen die Kurden sei. »Deutschland war und ist Teil des Kriegs gegen die Kurden«, so Kalkan. Berlin verfolge »seit jeher eine unterdrückerisch-koloniale Politik gegenüber dem kurdischen Volk und der kurdischen Freiheitsbewegung«.

International sorgt die Eroberung für Empörung. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn kritisierte in einem am Montag bei Spiegel online veröffentlichten Interview das Vorgehen Ankaras. Dieses habe nicht wie behauptet mit Selbstverteidigung zu tun, sondern bedeute »eine zusätzliche Tragödie auf syrischem Territorium«.

Für den 24. März rufen zahlreiche namhafte Intellektuelle zu einem weltweiten Aktionstag für die Verteidigung Afrins auf. »Die Kriegsverbrechen gegen das kurdische Volk sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Widerstand der Kurden ist der Widerstand der ganzen Menschheit«, heißt es in dem Aufruf, der unter anderem von dem in London lehrenden Ethnologieprofessor David Graeber und der US-amerikanischen Journalistin Debbie Bookchin unterschrieben wurde. Am Montag wurde zudem in Genf ein unbefristeter Hungerstreik für ein Ende der türkischen Angriffe begonnen, zu dem die europaweite Afrin-Solidaritätsplattform aufgerufen hatte.

Der Dachverband kurdischer Vereine in Deutschland, Nav-Dem, forderte am Montag in einer Erklärung erneut ein Ende des türkischen Angriffs. Die Invasion komme einer »ethnischen Säuberung« der Region Afrin gleich. Nav-Dem beklagt dabei vor allem die Untätigkeit der »internationalen Gemeinschaft«. Deshalb seien auch »vor allem die USA, Russland, die EU und die UNO« für die Verbrechen in Afrin mitverantwortlich.

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