Artikel von Kevin Hoffmann
Der Widerstand in Afrin wird weitergehen!

Von Kevin Hoffmann

Türkei besetzt Afrin und baut eigene Verwaltung auf.

Kaum ein Tag vergeht in der kurdischen Region Afrin in Nordsyrien, ohne dass es zu Gefechten zwischen den türkischen Besatzern und mit ihnen verbündeten islamistischen Milizen und Guerillakämpfern der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kommt. Seit dem 18. März hat die Türkei zwar den größten Teil von Afrin besetzt, doch der Widerstand dagegen geht auch militärisch ungebrochen weiter. So sieht sich die Türkei insbesondere im Bezirk Rajo auch Wochen nach dessen Besetzung gezwungen wieder Luftangriffe auf vermeintliche Guerillastellungen zu fliegen.

Bis zum Angriff der Türkei war die Region Afrin in Nordsyrien eines der sichersten Gebiete im seit Jahren andauernden Krieg in Syrien. Hunderttausende Flüchtlinge flohen dorthin. Sie flohen vor Bombardierungen und Massakern, vor den Kämpfen der syrischen Armee mit den zahlreichen islamistischen Milizen, welche unter dem Namen Freie Syrische Armee (FSA) firmieren. Doch in Afrin gab es weder Kämpfe, noch Bombenangriffe, denn bereits ab dem Jahr 2013 haben die Menschen in Afrin, wie in anderen Teilen Nordsyriens ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und demokratische Selbstverwaltungs- und Selbstverteidigungsstrukturen aufgebaut. Unter den Schwierigkeiten eines allseitigen Embargos und dauerhaften Drohungen der Türkei, die von der kurdischen Befreiungsbewegung geführte demokratische Selbstverwaltung anzugreifen und militärisch zu zerschlagen, spielte sich das Leben in Afrin doch größtenteils ohne die direkte Gewalt des Krieges ab.

Dies änderte sich spätestens ab dem 20. Januar dieses Jahres, mit dem Angriff der türkischen Armee und mit ihr verbundenen islamistischen Gruppen der FSA. Von drei Seiten rückte eine der größten NATO-Armeen auf die kleine Region Afrin vor. An vorderster Front tausende islamistische Kämpfer, ausgebildet und bewaffnet durch die Türkei und die USA. Wie schon beim Angriff der Terroristen des selbsternannten „Islamischen Staat“ auf Kobane im September 2014 schwieg die internationale Staatengemeinschaft zu diesem völkerrechtswidrigen Angriff. Auch die syrische Regierung protestierte lediglich verhalten gegen diesen Angriff auf das syrische Staatsgebiet. Ein solcher Angriff ist ohne die Zustimmung beziehungsweise Duldung durch die USA und Russland kaum möglich. Beide Staaten hätten die militärischen wie diplomatischen Möglichkeiten ihn zu verhindern, haben dies jedoch augenscheinlich nicht getan. Fast zwei Monate hielten die Kämpferinnen und Kämpfer der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten und ihre Fraueneinheiten (YPJ) den massiven Angriffen der Türkei mit Panzern, Haubitzen und Flugzeugen stand. Am 17. März entschlossen sie sich schließlich, insbesondere zum Schutz der Zivilbevölkerung und der vielen Flüchtlinge in Afrin, die Stadt zu evakuieren. Seit dem ist die Stadt und die Region Afrin von türkischen Soldaten und islamistischen Milizen besetzt.

Auch die deutsche Regierung hat durch die Lieferung der, beim Einmarsch in Afrin eingesetzten, deutschen Leopard 2 Panzer und die seit Jahren erfolgte Lieferung von Überwachungsfotos durch deutsche Tornado-Flugzeuge von Nordsyrien an die Türkei eine Mitschuld an Ereignissen in Afrin.

Mit der Besetzung Afrins begannen die Plünderungen. Bilder der französischen Nachrichtenagentur AFP zeigten unmittelbar nach der Besetzung Afrins, wie türkische Soldaten und islamistische Milizen Wohnungen, Supermärkte und Werkstätten plünderten. Mittlerweile baut der türkische Staat administrative Strukturen in Afrin auf und hat die Region faktisch zu seinem eigenen Staatsterritorium erklärt. Offiziell soll die Region von einem mit Türkei-treuen Kurden und Arabern besetzten Rat verwaltet werden. Faktisch ist sie jedoch dem Gouverneursamt der türkischen Provinz Hatay unterstellt. Überall in der Stadt wehen türkische Fahnen, werden türkisch- und arabischsprachige Schilder aufgehangen, die kurdischen hingegen verschwinden. Gleichzeitig kündigt die Türkei an, ein „islamisches Verwaltungs- und Rechtssystem“ einführen zu wollen. Schon heute berichten zahlreiche Frauen, dass sie sich unter der Besatzung nicht mehr unverschleiert in der Öffentlichkeit bewegen können. Auch in den Schulen werden Kopftücher für junge Mädchen ausgeteilt.
In den vergangenen Wochen mehren sich zudem die Berichte über Menschenrechtsverbrechen. So sollen dutzende Frauen und Mädchen verschleppt worden sein und von den islamistischen Milizen als Sexsklavinnen gehalten werden. Ebenso berichten Bewohner aus Rajo, dass der örtliche Bahnhof und die umliegenden Häuser zu einem zentralen Gefängniskomplex umfunktioniert worden sei, in dem es zu massiven Folterungen bis zur Tötung von Zivilisten kommen soll.

Unterdessen droht die Türkei in weitere Gebiete in Nordsyrien einzumarschieren. So etwa in die östlich von Afrin gelegene arabische Stadt Manbidsch. Seit Wochen bereitet sich der Militärrrat der Stadt auf einen möglichen Angriff vor. „Wir haben Manbidsch befreit, sind nach Hause zurückgekehrt und werden es verteidigen.“ so der Kommandeur des Militärrats, Muhammed Ebru Adil.

https://www.rote-zeitung.de/welt/mai-2018/blick-in-die-welt/

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