Artikel von Kevin Hoffmann
Grausame Routine

Türkische Besatzer entführen und foltern Kurden. Aktionstag soll auf Okkupation aufmerksam machen

Von Kevin Hoffmann

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Islamistische Milizionäre der »Freien Syrischen Armee« am 18. März im besetzten Afrin

Für diesen Samstag ruft die Kampagne »Peace in Kurdistan« zu einem internationalen Aktionstag gegen die Invasion der türkischen Armee in Rojava, den mehrheitlich kurdisch besiedelten Gebieten Syriens, sowie in der Autonomen Region Kurdistan im Irak auf. »Die Regierung Erdogans hat die kolonialen Ambitionen des türkischen Staates auf ein gänzlich neues Niveau angehoben«, heißt es in dem Aufruf, der von mehr als 100 Einzelpersonen und Organisationen aus aller Welt unterstützt wurde. Auch in Deutschland sind Demonstrationen geplant, unter anderem in Berlin, Köln und München.

Salih Muslim, Sprecher des Diplomatiekomitees der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft (TEV-DEM) und ehemaliger gleichberechtigter Vorsitzender der Partei der Demokratischen Union (PYD) in Syrien, ruft zur Teilnahme an den Kundgebungen auf. »Neben den Kurden müssen alle demokratischen Kreise und ihre Freunde an vielen Orten auf der Welt gegen diese Politik Position beziehen. Denn die Türkei und Erdogan wollen keine Lösung und keinen Frieden in Syrien«, so Muslim am Mittwoch im Interview mit der kurdischen Nachrichtenagentur ANF. Er machte insbesondere auf die Vertreibung von etwa 200.000 Menschen aus dem von türkischen Truppen besetzten Afrin aufmerksam. Demnach sei die Politik Ankaras in den besetzten Gebieten Rojavas auf eine demographische Veränderung der Bevölkerung ausgerichtet. In den verlassenen kurdischen Häusern würden gezielt arabisch-islamistische Kämpfer und ihre Familien angesiedelt. »In den Institutionen, der Verwaltung, den Schulen und allen Einrichtungen wird Türkisch gesprochen und unterrichtet. Kurdisch wurde verboten. Afrin wird als ein Teil der Türkei angesehen«, so Muslim weiter.

Am Donnerstag veröffentlichte die nordsyrische Nachrichtenagentur ANHA eine Liste mit 73 Namen von kurdischen Bewohnern Afrins, die in den vergangenen Wochen von islamistischen Milizen oder dem türkischen Militär bzw. dem Geheimdienst MIT entführt worden seien. Einige von ihnen sollen zu Tode gefoltert worden sein, für andere sollen die Milizen von den Familien zwischen 2.000 und 5.000 Dollar Lösegeld gefordert haben. ANHA berichtete zudem, dass allein aus dem Dorf Kurzele vor zehn Tagen rund 35 Personen verschleppt worden seien. Bei den Entführten soll es sich vor allem um ältere Menschen handeln, die gerade ihre Felder bestellt hatten.

Solche Entführungen und Folterungen erlebt die kurdische Bevölkerung, die nicht vor den türkischen Truppen geflohen ist, als grausamen Alltag. ANF zufolge soll sich in den besetzten Gebieten auch die Zahl der Selbstmorde unter der Zivilbevölkerung drastisch erhöht haben. Die Agentur berichtete am Mittwoch von mehreren Fällen, in denen Bewohner die Übergriffe nicht mehr ertragen konnten und sich das Leben nahmen. Immer häufiger vergleichen die Menschen das Leben unter den türkischen Besatzern mit der Schreckensherrschaft der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat«.

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